04.04.2015 / Allgemein / /

Der heilige Zorn des Ermittlers…

Mangelnde Eigenverantwortung einzelner Medien ist zwar beklagenswert, doch lebe ich lieber in einer Gesellschaft, wo überhaupt von Verantwortung und Eigenständigkeit der Medien gesprochen werden kann. Das heisst, ich lebe beispielsweise lieber nicht in Putins Russland.

Sehr geehrter Herr Neumann,

Als Vorsitzender des Bundes deutscher Kriminalbeamten ist Ihr Zorn auf die unseriöse Berichterstattung gewisser Medien über den Flugzeugabsturz von Germanwings nachvollziehbar.  In ihrem offenen Brief an den Chefredaktor der Bildzeitung lassen Sie ihm freien Lauf. Sie haben recht: was da teilweise an Spekulationen ohne gesicherte Faktenlage geboten wird, geht auf keine Kuhhaut. Was Sie aber vergessen haben zu erwähnen, ist die Tatsache, dass die französischen Ermittlungsbehörden selbst in Ihrer Stellungnahme keinen Raum geboten haben für eine andere Absturzursache als diejenige, die einen ja wirklich fassungslos macht. Da hat die Öffentlichkeit nun einmal ein grosses Bedürfnis nach Informationen.

Bei aller Kritik an ausufernder Pietätlosigkeit in der Berichterstattung zum Unglück, gebe ich zu bedenken, dass das Tempo, das die Behörden angeschlagen haben bei der Ermittlung dieser vermutlichen Wahnsinnstat in den französischen Alpen in keinem Verhältnis steht zu einer anderen: es geht um das Flugzeug, das im letzten Jahr über der Ukraine abgeschossen wurde. Da getraut sich offenbar niemand die Täter zu benennen, was für die Opfer und ihre Hinterbliebenen auch nicht pietätvoll ist. Mehr noch: es ist grausam.

Ich wünschte mir also auch hier mehr Beherztheit bei den staatlichen Ermittlern und wenn sie schon fehlt, bin ich froh, dass es Journalisten gibt, welche die Lücke füllen und selbst recherchieren. Mangelnde Eigenverantwortung einzelner Medien ist zwar beklagenswert, doch lebe ich lieber in einer Gesellschaft, wo überhaupt von Verantwortung und Eigenständigkeit der Medien gesprochen werden kann. Das heisst, ich lebe beispielsweise lieber nicht in Putins Russland.

Mit freundlichem Gruss

Marianne Binder