26.06.2013 / Allgemein / / , ,

Europa, die Schweiz und Galilei

Wer wem die Umlaufbahn diktiert, treibt alle um.

„Und sie bewegt sich doch“, flüsterte Galileo Galilei gerade noch so hörbar, dass eine taktische Verbeugung zur Legende wurde. Mit „sie“ meinte GG die Erde und mit „bewegen“, dass sie sich drehe, und zwar um die Sonne, was er von der unterschiedlichen Grösse der Himmelskörper ableitete. Wie wir wissen, widerliefen diese Überlegungen der geozentrisch ausgerichteten Optik der Inquisition, worauf sich Galilei zeitlebens selbst den Stecker zog: „Sorry, aus Versehen auf die falsche Weltordnung gesetzt.“

Wer wem die Umlaufbahn diktiert, treibt alle um, sowohl persönlich wie auch im Kollektiv, ganz aktuell beispielsweise die Schweiz in ihrem Verhältnis zu Europa. Die Antwort ist nach wie vor im Weltbild begründet. Für die einen ist die Schweiz ein Satellit mit abgenutzten Installationen, der über kurz oder lang über dem europäischen Wirtschaftsraum verglüht. Demgegenüber sehen die anderen die Eidgenossenschaft als dermassen schwergewichtig, dass sie im Mittelpunkt des europäischen Sternenhimmels die Rotation bestimmt.

Ich beneide Politiker mit diesen Weltbildern um ihre einfache Sicht, sie erleichtert die Kommunikation. Für die einen führt der Weg in die EU, für die anderen in den Alleingang. Wer beides nicht will, muss ausholen, pocht auf Eigenständigkeit und betont gleichzeitig, dass unser Wohlstand mit der Einbindung in den europäischen Binnenmarkt zusammenhängt. Der Austausch mit Europa und manchmal Konzessionen in internationalen Verhandlungen sind im eigenen Interesse. Das heisst  nicht, dass man im gleichen Aufwisch und ohne Notwendigkeit Gesetze anpasst für die einheimische Bevölkerung. Was käme wohl als Nächstes nach den aktuellen Attacken auf das Bankkundengeheimnis im Inland? Etwa die Abschaffung der direkten Demokratie, weil es die ja bekanntlich im Ausland auch nicht gibt?

Die Schweiz ist das einzige Land der Welt, in welchem das Volk über die Höhe der Besteuerung bestimmt, ebenso über die Höhe der öffentlichen Investitionen. Einnahmen und Ausgaben stehen in einem nachvollziehbaren Verhältnis, was sich auf die Steuermoral auswirkt. Wenn wir Mühe haben, dass der Staat unsere Privatsphäre durchleuchtet, dann nicht, weil wir etwas zu verbergen hätten, sondern weil die Selbstverantwortung und das Vertrauen des Staates in den Bürger zu den schweizerischen Grundprinzipien gehören.

Sonst alles andere als von Optimismus geprägt, lobt auch der amerikanische Ökonom Nouriel Roubini am Swiss Economic Forum unsere Institutionen. Er bezeichnet sie gar als grossartig. Die Steuerpolitik wäre ebenfalls sehr solid, und wir hätten eine starke Wirtschaft. Die Finanzkrise hätten wir gut bewältigt, Roubini erwähnt dabei die Verschärfung der Eigenmittelvorschriften der Banken. Und dann: Die Erfolgsgeschichte der Schweiz daure schon lange, und es deute nichts darauf hin, dass diese bald zu Ende gehen dürfte. Nichts! Die Botschaft hört man gern. Vor allem, wenn sie aus den USA überbracht wird.

500 Jahre nach seinem Fehlurteil rehabilitierte der Vatikan Galileo Galilei. Den Aufbau des Sonnensystems hatte man in Rom unterdessen quittiert, doch zusätzlich wurde der eigentliche Anklagepunkt, Galileis Thesen ständen nicht im Einklang mit der Bibel, fallengelassen. Die Bibel hat zwar immer Recht, begründete die Kirche ihr Rückkommen, doch diejenigen, welche sie auslegen, mögen irren. Galilei hatte sie richtig ausgelegt. Wer sich um wen dreht, lässt zwar Rückschlüsse zu auf die Grösse der Objekte, hat aber keine Auswirkung auf deren Wert und keine auf die Hierarchie. Und eine solche Erkenntnis, meine ich, lässt uns die schwierigen Verhandlungen mit der EU vielleicht etwas selbstbewusster führen. Und gelassener.