09.08.2016 / Allgemein / / , , , ,

Wer Diktaturen liebt, hat in der Schweiz nichts verloren.

Wir sind momentan mit einer Bewegung konfrontiert, welche deshalb machtvoll ist und auch beängstigend, weil wir dieser Kraft geballter Religiosität wenig entgegenzusetzen haben.

Ansprache an der Bundesfeier in Würenlos

Marianne Binder-Keller

Es ist mir eine Ehre, dass ich heute in Würenlos als Badenerin an Ihrer Bundesfeier ein paar Worte zu Ihnen sagen darf. Ich habe übrigens festgestellt, dass wir vor vier Jahren eine Miss Baden gekürt haben: Sie kommt aus Würenlos. Gibt es bei Ihnen auch solche Wahlen? Und wenn ja, wo kann man sich da als Badenerin bewerben?

Ihre Einladung, vor allem Ihr Motto, hat mich gefreut: Generationen feiern zusammen. Ich komme gerne darauf zurück. Gefreut hat mich auch, dass Sie den Schweizer Psalm im vollen Wortlaut auf Ihr Programm drucken. Aus zwei Gründen:

Erstens: Ich gehöre nicht zu denen, welche den Text modernisieren wollen. Mir gefällt unsere Nationalhymne so wie sie ist. Da kann die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft noch lange finden, „35 Jahre seien genug“. Wer behauptet denn, wenn die SGM den Text antiquiert finden, dass der neue besser ist? Wer behauptet denn, dass das, was heute gerade hip ist, morgen nicht peinlich wird? Ich finde nicht, dass man alles dem Zeitgeist anpassen muss. Der Zeitgeist ist ein allzu arroganter Mitläufer der Geschichte. Sein Merkmal ist die Bedeutungslosigkeit. Wörter wie „Vaterland“, und „Morgenrot“, „Strahlenmeer“ und „Alpenfirn“, „fromm“ und „hehr“, „Allmächtiger“, und „Ewiger“ gehören zugegebenermassen nicht gerade zum Wortschatz der modernen helvetischen Literatur, ein bisschen Pathos ist aber durchaus auszuhalten. Lassen wir doch einen Teil unserer Vergangenheit nach wie vor in unserer Begleitung. Er ist wertvoll, verbindend, tragend.

Zweitens: Auch wenn ich die Hymne schon oft gesungen habe, ich kann sie wie unsere Schweizer Nati nicht auswendig. Nachhilfeunterricht aus Würenlos ist also bitter nötig. Danke jedenfalls für den Text.

Und dann hätte ich da noch eine Frage. Woher haben Sie die Strophe drei? Ist die eine Würenloser Spezialität?

Im speziellen begrüsse ich auch die die Kinder. Der 1. August ist vor allem für euch Kinder ein Festtag, der Freude bereitet. Damit meine ich nicht gerade meine Rede, die müsst ihr einfach aushalten, aber ich erinnere mich an meinen dreijährigen Sohn, welcher nach dem Lampionumzug und all den Feuerwerken und „lange aufbleiben“ ins Bett sank und sagte: „Wenns nur immer August wäri! Und ich denke an meine drei Brüder. Alle drei waren fleissige aber auch lästige Pyrotechniker. Den ganzen Tag jagten sie irgendetwas in die Luft. Besonders toll waren die Knallfrösche, welche sie mir und meinen Freundinnen zwischen die Beine schossen. Einer meiner Brüder brachte es sogar fertig, mitten in einer Festansprache Frauenfürze abzufeuern und meiner Schulkollegin ein Loch in ihren neuen Rock zu brennen. Ich erinnere mich auch an die 1. August-Feuer, welche wir im Blauring und der Jungwacht in tagelanger Arbeit aufgebaut hatten, um sie dann in der Nacht zu entzünden. All dies gab der Bundesfeier ihren speziellen Zauber, der bis heute anhält.

Gerne möchte ich also das, was ich zu sagen habe, auch an euch richten. Ihr seid Schweizer Bürgerinnen und Bürger und in zehn, in zwanzig, in dreissig Jahren seid ihr diejenigen, welche die Schweiz gestalten und bestimmen. Deshalb meine Aufforderung: Interessiert euch für die Politik. Interessiert euch dafür, was passiert. In eurem Dorf. In eurem Land. In der ganzen Welt. Jetzt schon. Lest Zeitungen. Schaut Nachrichten. Diskutiert mit euren Eltern. Ihr sagt jetzt vielleicht, Politik sei doch langweilig. Aber ihr steckt selbst mittendrin. Politik findet überall statt. In der Familie. In der Schule. In den Vereinen. Beim Sport. In unserem Land. Auf der ganzen Welt. Ihr seid Teil davon. Alle seid ihr kleine Politiker, welche Interessen vertreten.

Politik bedeutet: Wie gestalten wir unser Zusammenleben? Wie lösen wir Probleme? Wenn ihr mit dem Bruder Krach habt, der Schwester? Dann ist das Politik. Wenn ihr eurer Schwester eine haut, dann ist das Politik. Ob es gute Politik ist, ist eine andere Frage. Denn dann haut sie zurück. Oder sie geht zur Mutter und beklagt sich, ihr Bruder hätte sie geschlagen. Die Mutter wiederum als höhere Instanz macht auch Politik und versucht der Sache auf den Grund zu gehen. Sie stellt den Bruder zur Rede. Der sagt, die dumme Kuh hätte sein Handy versteckt. Sie sei selber schuld. Die Schwester sagt: ja, aber nur, weil du mir meine Kopfhörer geklaut hast. Sagt er: Stimmt ja gar nicht und was ist mit meinem Kabel? Hast du auch verloren. Das geht dann so weiter hin und her bis es der Mutter reicht und sie eine politische Massnahme ergreift: beide müssen für zwei Tage das Handy abgeben. Man kann solches aber auch vermeiden und die Sache bilateral lösen. Ein Wort gibt dann das andere. Ein Argument das andere. Voilà, schon mache ich Politik. Stehe ich mitten in der demokratischen Auseinandersetzung, im demokratischen Prozess, in der sehr und im wörtlichen Sinne „direkten Demokratie“.

Ihr Motto in Würenlos – ich komme, wie angekündigt, darauf zurück- heisst: Generationen feiern zusammen. Alle Generationen haben ihre eigenen Bezüge und Erinnerungen an 1. Augustfeiern. Ich gehöre einer Generation an mit Eltern, welche noch den Zweiten Weltkrieg erlebt hatten. Das heisst eine Zeit, in der das Essen rationiert wurde, viele Mütter allein die Kinder betreuten, weil die Väter an der Grenze das Land verteidigten, eine Zeit, in der man Angst haben musste, die deutsche Wehrmacht würde bei uns einmarschieren, würde Menschen gefangen nehmen und töten, würde unsere Freiheit und die Unabhängigkeit rauben. Würde die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger deportieren und umbringen. Bedrohung von einem feindlichen Staat an unserer Schweizer Grenze.

Die Schweiz ist dann ja – Gott sei Dank- verschont geblieben vom Krieg. Und wenn ich zurückdenke an die Bundesfeiern meiner Kindheit, dann waren die Reden der Generation meiner Eltern geprägt vom Thema Freiheit. Und wie dankbar wir sein können, dass wir frei seien. Freie Schweizer seien. In Freiheit leben. Freiheit sei nicht selbstverständlich. Ein Gut, worum man immer wieder kämpfen müsse. usw. Ich sagte jeweils zu Hause: Jetzt haben wir es dann langsam gehört mit dieser Freiheit. Mein Vater war ja auch einer dieser Festredner. (Mit den erwähnten Frauenfürzen störte mein Bruder ja auch ausgerechnet eine Rede meines Vaters, was der nicht gerade erfreulich fand…)

Item: Für uns ist und war Freiheit etwas Selbstverständliches. So selbstverständlich, dass wir schon gar nicht auf die Idee mehr kommen, wir hätten keine lebenslange Garantie darauf.

Aber wenn wir ehrlich sind: das Thema der bedrohten Freiheit ist so aktuell wie nie! Es wird uns gerade jetzt mehr als schmerzhaft bewusst. Eine freie Gesellschaft ist durch den Terrorismus im Nerv getroffen. Wir schauen mit Entsetzen nach Nizza, nach München, nach Paris. Und wir haben Angst. Sind verunsichert. Wo dreht der nächste dieser fanatischen Amokläufer durch?

Wieder einmal, wie damals im Zweiten Weltkrieg, sind wir konfrontiert mit einer Bewegung, welche den Menschen die Freiheit nehmen will. Eine fundamentalistische Bewegung, welche einen weiteren Grundwert, die Gleichheit verachtet. Frauen sollen weniger haben weniger Rechte als Männer. Eine Glaubens-Bewegung, die auch den dritten Grundwert mit Füssen tritt. Die Brüderlichkeit. Dazu gehört die Toleranz. Einen Menschen in dieser Gemeinschaft annehmen. So wie er ist. Mit seinen unterschiedlichen Ideen. Seiner Herkunft. Seinem Glauben!!!!!!! Einzige Bedingung: er muss sich mit seinem Glauben unseren Regeln und Gesetzen unterordnen. Unseren Werten. Unserem Rechtsstaat westlicher Prägung. Das, was er glaubt, darf keinen Einfluss haben auf die zivilen Rechte.

Wir sind momentan mit einer Bewegung konfrontiert, welche deshalb machtvoll ist und auch beängstigend, weil wir dieser Kraft geballter Religiosität wenig entgegenzusetzen haben. Wir sind anders erzogen. Unser Selbstverständnis gegenüber Glauben und Gläubigkeit ist ein anderes. Und aus lauter Unsicherheit versteigt sich eine aufgeklärte zunehmend areligiöse Gesellschaft zu Glaubensbekenntnissen der Toleranz gegenüber einer Religion mit hoch gefährlichen voraufklärerischen kriminellen Strömungen. Einer Religion gegenüber, bei der schwer abschätzbar ist, ob sie überhaupt mit dem Rechtsstaat kompatibel ist. Wenn ich sehe, wie gewisse Islamversteher momentan vor diesem rückwärtsgewandten Denken flach auf den Boden liegen, sich benehmen als seien sie eben erweckt worden vom heiligen Geist der Religionsfreiheit, die eigene Religion oder Religiosität aber als lächerlich abtun, dann greife ich mir an den Kopf.

Ich bin überzeugt, dass wir bewusster für die Werte unseres Schweizerischen Rechtsstaates einstehen müssen. Und uns auch nicht schämen sollten, von christlichen Werten zu sprechen, welche unserer Kultur, unserem Staatswesen, unserem Rechtsstaat zugrunde liegen. Christliche Werte sind politische Werte. Die Werte einer aufgeklärten Gesellschaft. Sie prägen unsere Kultur.

Sie beinhalten die Freiheit. Die Gleichheit. Die Toleranz. Wer uns diese Werte nehmen will, ist intolerant. Lassen wir der Intoleranz diesen Raum nicht. Noch nie in der Weltgeschichte haben Menschen so viele Gleichheits- und Freiheitsrechte genossen, wie in den Demokratien des Westens. Es liegt in unserer Verantwortung, diese auch in Zukunft für alle Menschen aller Religionen in diesem Land zu erhalten. Und dazu gehört, sich nicht in falsch verstandener Toleranz vor einer Bewegung zu verbeugen, die uns all das nehmen will. Wer bei uns leben will, muss sich mit unseren Freiheitsrechten abfinden und sich nicht ihrer bedienen, um sie dann abzuschaffen. Wenn er es lieber autoritär haben will, soll er in seinem autoritären Staat bleiben. Wer Diktaturen liebt, hat nichts bei uns zu suchen.

Ich bin stolz auf unseren Schweizerischen Rechtsstaat, den wir alle tragen. Möge weiterhin-auch gerade bei der grossen Verunsicherung, welche mit den schrecklichen Terrorakten die Welt erfüllt-ein guter Stern über unserem Land stehen.

Ich danke Ihnen.