11.07.2022 / Blog / /

Hommage an meinen linken Lehrer

 

Die Aargauer Mittelschullehrpersonen hätten einen Linksdrall, so die Vermutung jungfreisinniger Badener Kantischüler in ihrer Maturarbeit. Evident machen sie das mit der Befragung von 530 Gymnasiastinnen und Gymnasiasten an mehreren Schulen. Unabhängig davon, wo diese politisch verortet seien, beurteilen sie offenbar ihre Lehrpersonen als eher links. Der durch einen Vorstoss alarmierte Grosse Rat will nun die politische Neutralität unserer Mittelschulen durch die Regierung überprüfen lassen. Dies bei gleichzeitlicher Ziel-und Ergebnisoffenheit des Auftrags. Kein leichtes Unterfangen.

Dass Lehrer links sein können, ist keine Sensation. So beispielsweise mein Geschichtslehrer. Sozialdemokrat. Anlässlich der 68ger Unruhen in Paris legte er im Hörsaal die Beine aufs Pult und auch den Globuskrawall liess er nicht an sich vorbeigehen. Ob unser linker Lehrer linken Unterricht vermittelte, interessierte uns wenig, bockig waren wir sowieso. Aber zu sagen ist: Der Geschichtsunterricht war phänomenal. Eingegriffen in unsere zart sich entwickelnden (politischen) Persönlichkeiten hat der Lehrer lediglich, indem er den Dämmerzustand, in welchem sich Menschen in diesem Alter durch das konstante Schlafbedürfnis befinden, auf unsensible Weise dauerstörte und uns durch die Art seines Unterrichtes gewissermassen zwangspolitisierte.

Er hat uns das Denken und die kritische Haltung aufgedrängt. Unter anderem durch die stete Gegenüberstellung von Ereignissen der Vergangenheit mit solchen der Gegenwart. Legendär seine bildhafte Schilderung des Prager Fenstersturzes 1618, in welchem drei Katholiken auf einem Misthaufen landeten. Das Ereignis löste den Dreissigjährigen Krieg aus, der in der Dynamik von heutigen Kriegen nichts an Aktualität vermissen lässt. Anschauungsunterricht im bestem Sinne.

Unser Geschichtslehrer hat zeitgeschichtliche Debatten vom Stapel gerissen, im Schulzimmer arenaähnlich Abstimmungskämpfe abgehalten und somit moderne Staatskunde geboten, die damals nicht üblich war. Was mich betrifft, hat ihn mein Vater herausgefordert. Auch er Geschichtslehrer, aber bürgerlich. Stiess mein Geschichtslehrer wieder einmal auf irgendeinen sozialen Missstand in der Weltgeschichte, von denen es schliesslich nicht wenige gibt, sagte er zu mir, ich solle zu Hause einmal nachfragen, was man da rein politisch gesehen von dieser Sache so halte. Was ich selbstverständlich getan habe. Ich provozierte meine Eltern mit übersteigerten linken Thesen, die mein Lehrer nicht hätte wiedererkennen können, nur um in der Schule wieder das komplette Gegenteil zu behaupten. Meine eigene Meinung war zweitrangig, Hauptsache dagegen und rhetorisch eher laut als logisch.

Dass mein politischer Werdegang eine dramatisch linke Wendung genommen hätte, kann man nun wirklich nicht behaupten. Auch keine rechte, denn diese Lehrer gibt und gab es auch. Sogar meine Meinungsbildung wurde solide. Ich definiere mich längst nicht mehr über die Provokation und die Extreme liegen mir fern. Politisch bin ich gelandet, wo ich bin, und das hat viel mit meiner Bildung zu tun, zu Hause und in der Schule. Dieser Bildung liegt die Dialektik zugrunde. Sie ist in ihrem Wesen dem schweizerischen Staatssystem zutiefst zuträglich. Mass und Mitte. Benedikt von Nursia wäre begeistert.

Wenn sich die Aargauische Regierung nun an die Gesinnung ihrer aargauischen Lehrpersonen wagt, dann darf das Parteibuch keine Rolle spielen. Sondern die Frage, wie verantwortlich unsere Lehrpersonen das eigenständige Denken fördern, den Diskurs willkommen heissen und die Meinungsvielfalt achten. Mein linker Lehrer hat es vorgemacht. In diesem Sinne können sich alle entspannt auf eine solche Übung einlassen. Das Lehrpersonal sowieso. Aber im Besonderen die Politik. In allen Lagern.