16.01.2019 / Blog / /

So wird das nichts. Offener Brief an Helvetia und Alliance F.

Helvetia kann Frauen lange rufen, wenn sie keiner kennt.

Sehr geehrte Unterstützerinnen des Projektes „Helvetia ruft dich“, sehr geehrte Alliance F als Initiantin, liebe Helvetia, aber was kannst du schon dafür,

ich bin Präsidentin der CVP Aargau. Bin also in meinem Kanton die Ansprechsperson Ihres Anliegens und Schreibens  („Helvetia ruft dich“, „Anzahl Entscheidungsträgerinnen in der Schweiz erhöhen“), das Sie momentan und wiederholt überall in meinen Parteigremien versenden. Den Verteiler kenne ich zwar nicht, aber ich wurde mehrmals darauf angesprochen. Diejenigen, die das Schreiben empfangen haben, wissen nämlich nicht so recht, was sie damit damit anfangen sollen. Ich auch nicht.

Gundsätzlich rennen Sie im Aargau und meiner Kantonalpartei offene Türen ein. Unser Thema. Seit ich politisiere, ermutige ich Frauen, stimmen und wählen zu gehen, denn heute stimmen und wählen etwa 65 Prozent aller Frauen wie noch vor 80 Jahren, nämlich gar nicht. Daran sind nicht die Männer schuld. Und auch nicht die Gesellschaft. Das können wir nur selber ändern. Ich habe mehrfach dazu publiziert, Podien und Workshops abgehalten. Unsere Bemühungen im Aargau sind langjährig.

Gerne teile ich Ihnen mit, dass unsere Spitzenplätze auf der Nationalratsliste Frauen belegen. Dies nicht, weil wir sie privilegieren,  sondern aufgrund der Ergebnisse der letzten Wahlen, die sie erzielten. Die Ständeratskandidatin ist eine Frau, unsere nächste Grossratspräsidentin ist eine Frau. Auch die Parteipräsidentin ist eine Frau. Ebenso unsere Geschäftsführerein. Die Vizepräsidentin der Fraktion ist eine Frau, ebenfalls die Vizepräsidentin der Partei. In unserer 17-köpfigen Grossratsfraktion sind 6 Frauen. Wir haben viele Gemeindepräsidentinnen. Auf unserer NR-Liste werden wohl über 40% Frauen sein, wie es aussieht. 13 Kantonalpräsidien der CVP Schweiz präsidieren Frauen. Die jetzige Generalsekretärin ist eine Frau. Ihre Vorgängerin auch. Wir haben, ebenso wie die SP, drei Bundesrätinnen in unseren Reihen. Ausserdem ist die CVP eine Partei, welche zu 55% von Frauen gewählt wird, was wohl auch ein Hinweis darauf ist, dass wir inhaltlich, thematisch und auch, was die Art des Politisierens betrifft, Frauen entsprechen.

Ich anerkenne meinerseits auch Ihre Bemühungen um Frauen, aber ich erlaube mir, Ihnen mitzuteilen, dass sie erstens koordinierter erfolgen sollten und zweitens einen etwas hilfreicheren Ansatz haben. Ansonsten sind sie wirkungslos.

Sie wollen die Anzahl Entscheidungsträgerinnen erhöhen. Damit meinen Sie die Bundesebene. Bitte bedenken Sie als kleinen Hinweis, dass auch Frauen, die in den Kantonen politisieren, Entscheidungsträgerinnen sind. Machen Sie den Fehler nicht, die Arbeit in den Kantonen zu unterschätzen, sonst werden Sie unseren kantonalen und kommunalen Politikerinnen und nota bene Politikern (Männern) nicht gerecht. Es ist anmassend zu meinen, allein die Bundesebene sei matchentscheidend. Irgendwie auch naiv.

Sie wollen einen interkantonalen Wettbewerb veranstalten, der sich nach der Anzahl der nominierten Frauen richtet und der Privilegierung auf den Listen. „Halbe halbe“ nennen Sie das. Ist Ihnen bewusst, wie schwierig es ist, Listen zu füllen? Ist Ihnen klar, dass, wenn Sie solche Zielvorgaben machen, in vielen Kantonen die Listen teilweise leer bleiben würden? Haben Sie Kenntnis von der Zeit, welche Kantonal- Bezirks-und Ortspräsidenten aufwenden, Frauen wie Männer dazu zu bewegen, zu kandidieren? Und ist Ihnen bewusst, dass ich viermal soviel Zeit vertelefoniere, eine Frau für die Politik zu überzeugen, wie einen Mann?

Es ist nicht so, dass Frauen deshalb nicht politisieren, weil sie von Männern gehindert werden. Nein. Nach wie vor engagieren sich Männer stärker als Frauen. Und wenn sie dann bessere Resultate auf der Liste haben, setze ich ihnen sicher keine Frau vor die Nase, einfach, weil sie eine Frau ist. Das wäre demotivierend und ungerecht für viele unserer sehr engagierten und begabten Männer, dazu gehören auch viele Jungpolitiker. By the way: eine Frauenquote ist immer auch eine Männerquote. Also irgendwann einmal ein Bumerang. Es geht um die Eignung und nicht das Geschlecht. Deshalb mein Motto: Wenn schon Quote, dann schaffen wir sie selbst. Die Opferrolle passt mir nicht. Klar will ich als Frau gewählt werden, als Mann habe ich es schliesslich definitiv verpasst, aber bittesehr, nicht weil ich eine Frau bin. Nehmen Sie zur Kenntnis: Frau sein ist kein Programm.

Meine Frage ist nun aber: wenn sie möchten, dass Frauen auch gewählt werden, was tun Sie tatsächlich für Frauen? Ich stelle die Frage noch pointierter: Meine Partei hat mich als Ständerätin nominiert. Dafür verdienen wir wohl eine Ihrer Auszeichnungen und es nutzt unserem Ruf in Ihrem reputationssteigernden interkantonalen Rating. Aber wegen einer Auszeichnung werde ich noch lange nicht gewählt. Ihre Arbeit für Frauen würde nämlich an diesem Punkt erst anfangen. Eine mühselige Arbeit, aber nachhaltiger.

Helvetia kann Frauen lange rufen, wenn sie keiner kennt. Frauen auf die Listen zu setzen reicht einfach bei weitem nicht. Frauen müssen stattfinden. In der Öffentlichkeit, in den Medien, privat und öffentlich-rechtlich. Im speziellen bei SRF. Das tun sie nämlich nicht. Beispiel gefällig? Von Januar 2018 -1. Dezember luden Arena und Club zusammen 281 Männer ein und 123 Frauen.  Ich habe vor den BR-Wahlen nach einer Club Sendung dazu publiziert und hätte es sehr begrüsst, Sie hätten mich in dieser Sache unterstützt, nachdem ich mich an Sie gewandt hatte.  https://www.mariannebinder.ch/blog/helvetiaruft-beisrfindiewueste/

Aber es geht nicht nur um SRF, es geht um jegliche Medien und Podien. Das Zentrum für Demokratie im Aargau, beispielsweise, lädt sozusagen nur Männer ein auf die grossen Panels und macht zum ersten Mal anlässlich der  nächsten Demokratietage im Frühling eine Ausnahme. Kürzlich sassen auf einem wichtigen Wirtschaftspodium im Limmattal ausschliesslich Männer. Ich muss Ihnen wohl kaum erzählen, wie oft sie selber schon an solchen Anlässen waren. Fazit: Wenn Sie tatsächlich Frauen fördern möchten, dann verschaffen Sie ihnen Plattformen und unterstützen Sie mich in diesem, meinem langjährigen Engagement, auch als ehemalige Kommunikationschefin der CVP Schweiz, Frauen in der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Über eine Antwort würde ich mich diesmal freuen.

Mit meinen besten Grüssen

Marianne Binder, Präsidentin CVP Aargau und Ständeratskandidatin

PS. Unser Fraktionschef ist übrigens ein Mann. Nicht, weil er sich aufgedrängt hat. Im Gegenteil: wir haben ihn gedrängt. Und wir sind froh sehr froh um seine ausgezeichnete Arbeit. Hochqualifizierte Arbeit wie sie übrigens auch sein Vorgänger und sein Vorvorgänger geleistet haben. Womit nochmals knallhart bewiesen wäre: das Geschlecht ist einfach kein Programm.