29.09.2019 / Ich chome verbii / /

In der TopPharm Homberg Apotheke in Beinwil am See

 

 

 

 

 

Zusammen mit Isabell Landolfo, Präsidentin CVP Kulm und Nationalratskandidatin besuche ich die Apothekerin Barbara Kursawe in Beinwil und führe mit ihr ein spannendes Gespräch über Kosten und Sparmassnahmen in ihrem Arbeitsfeld. Seit 19 Jahren führt sie ihre TopPharm Homberg Apotheke in Beinwil am See als Selbstständigerwerbende. Die Apotheke ist auch als Kinderapotheke zertifiziert. Mit einer Systemlösung für Apotheken unter dem Dach der Firma Pharmis GmbH hat die Apothekerin eine Idee zur sicheren Abgabe von Medikamenten umgesetzt. Sie bietet spezielle Dosiersysteme und eine Software an, um nebst einer höheren Sicherheit auch der Medikamentenverschwendung entgegen wirken zu können. Die Apotheke in Beinwil gehört zu einer Gruppierung von 130 unabhängigen Apotheken, die sich zusammengeschlossen haben mit der Zielsetzung, am Markt gemeinsam Qualität, Transparenz, Fairness und Innovation zu garantieren. Barbara Kursawe plädiert für die Nutzung gemeinsamer Synergien aller im Gesundheitswesen tätigen Fachkräfte, um nachhaltig und tatsächlich Kosten sparen zu können. So können die  Dienstleistungen im Gesundheitswesen auch in Zukunft in guter Qualität und zu fairen Preisen der ganzen Bevölkerung offenstehen.

 

M.B. Barbara Kursawe, wir haben Sie gebeten, unsere Initiative zur Kostenbremse im Gesundheitswesen zu unterschreiben, worauf Sie geantwortet haben: Grundsätzlich schon, aber…

B.K. Ja. Ich bin auch dafür, Kosten zu senken – aber dann habe ich „Medikamente“ gelesen und gedacht, dass einmal mehr bei den Apotheken gespart werden soll. Weitere Sparpakete können die Apotheken nicht mehr verkraften, deshalb spreche ich gerne mit Ihnen über unsere Situation und unsere Sicht der Dinge.

M.B Die Krankenkassenprämien steigen Jahr für Jahr. Das steht auf dem Sorgenbarometer zuoberst. Unsere Initiative möchte nicht einfach allen mehr Gelder ausschütten, sondern bei den Kosten ansetzen und alle Beteiligten im Gesundheitswesen einbinden. Steigen die Prämien mehr als die Löhne, führt der Bund eine Kostenbremse ein.

B.K. Der Auftrag, dass alle Beteiligten sich zusammen an einen Tisch setzen müssen, kann ich voll und ganz unterstützen. Es gibt tatsächlich grosses Sparpotential und auch viel Ineffizienz im System. Als Beispiel aus der Praxis kann ich die Erfahrungen aus meiner Tätigkeit als fachtechnisch verantwortliche Apothekerin des örtlichen Altersheimes beiziehen. Hier arbeite ich eng mit den Pflegenden, der Pflegeleitung, der Heimleitung und mit dem verantwortlichen Heimarzt zusammen. Die Einführung der Medikamenten-verblisterung vor Ort und die damit verbundenen gemeinsamen Prozesse haben dazu geführt, dass die Qualität gestiegen ist bei gleichzeitig gesunkenen Kosten. So konnte als Beispiel der Betrag der nicht genutzten, beziehungsweise weggeworfenen Medikamente von nahezu Fr. 1000.- pro Bett und Jahr auf aktuell Fr. 25.- pro Bett und Jahr gesenkt werden!

M.B. Wo kann man noch sparen ohne, dass die Qualität der Gesundheitsversorgung sinkt. Ich frage mich beispielsweise, wieso ich mit entzündeten Augen nicht einfach in die Apotheke gehen kann und dort ein verschreibungspflichtiges Medikament bekomme ohne dass ich zu einem Arzt muss. Eine Bindehautentzündung kann ich in der Regel selbst diagnostizieren. Und die Tröpfchen würde ich auch gleich selbst bezahlen, damit ich nicht so viel Zeit investieren muss.

B.K. Mit diesem Anliegen sind Sie bei uns genau richtig! Seit mehr als 6 Jahren bieten wir sogenannte vertiefte Abklärungen im Beratungsraum an, eine Dienstleistung, welche netCare heisst und eine spezifische abgeschlossene Weiterbildung des Apothekers voraussetzt. Etwa 200 Apotheken sind derzeit angeschlossen. Das persönliche Beratungsgespräch, die Dokumentation und die anschliessende Medikamentenabgabe nehmen ca. 20 Minuten in Anspruch – eine Voranmeldung ist nicht nötig. 85% aller ‚netCare-Fälle‘ können von den Apothekern gelöst werden, für die anderen wird ein Termin beim Hausarzt vermittelt. Am häufigsten nehmen Menschen mit einer Bindehaut-, Blasen- oder Halsentzündung, die netCare-Dienstleistung in Anspruch. Aber auch Personen mit Rückenschmerzen, Hautpilzen, Ekzemen oder Magen-Darm-Beschwerden sehen wir sehr häufig. Erste Managed-Care Apotheken-Versicherungsmodelle wie MEDPHARM der Krankenkasse Swica, setzen voll auf die Dienstleistung ‚netCare‘ und schicken ihre Patienten bei Gesundheits-problemen zuerst in die TopPharm Apotheke. Bei ‚netCare‘ geht es um die Eigenverantwortung der Versicherten, es entlastet Hausärzte und bindet bewusst die Apotheker in die Erstversorgung ein. Somit können Kosten gespart werden.

M.B. Liegt ein Problem nicht auch einfach darin, dass die Medikamentenpackungen zu gross sind. Pro Jahr, habe ich gelesen, landet etwa eine Milliarde Franken im Abfall.

B.K. Die Packungsgrössen sind in der Regel ganz in Ordnung. Viel sinnvoller wäre, die Medikamententherapie der Patienten im Sinne eines Coachings zu begleiten. Ein bereits diesbezüglich bestehendes Angebot ist das durch die Krankenkassen vergütete Medikamentengespräch mit dem Apotheker – auch Polymedikations-Check genannt. Hier können Fragen des Patienten unter vier Augen im Beratungsraum beantwortet werden. Gemeinsam werden Therapieziele festgelegt und Tipps und Tricks rund um die Einnahme und die Handhabung der Medikamente im Alltag mitgegeben. Diese Massnahmen führen nachweislich dazu, dass die abgegebenen Medikamente in einem höheren Masse auch korrekt eingenommen werden. Manche Patienten sind auch dankbar für Unterstützung beim korrekten Richten der Medikamente. Vor allem dann, wenn der Therapieplan kompliziert wird oder häufige Medikamentenwechsel anstehen. Hier bieten wir Wochenblister an, welche durch die Apotheke mit den Medikamenten des Patienten bestückt und nach Hause geliefert werden. Da aus einem Medikamentenpool heraus gerichtet wird, werden auch nur die effektiv gebrauchten Tabletten und Pillen verrechnet, was ein Beitrag zur Kostensenkung beiträgt. Denn die teuersten Medikamente sind diejenigen die eben im Müll landen! Leider wird die Verblisterung nur dann von den Krankenkassen bezahlt, wenn kein weiterer Leistungserbringer, wie eine Spitex oder ein Heim involviert sind – die so eminent wichtige Zusammenarbeit unter den verschiedenen Akteuren im Gesundheitswesen wird quasi unterbunden.

M.B. Viele Apotheken klagen über finanzielle Engpässe. Können Sie denn nicht angemessene Preise verrechnen.

B.K. Die Verkaufspreise für Medikamente zu Lasten der Krankenkassen-Grundversicherung werden vom BAG (Bundesamt für Gesundheit) festgelegt. Der Preis orientiert sich am Verkaufspreis des entsprechenden Medikaments im Ausland, beinhalten einen fixen Zuschlag und eine kleine Marge, welche die Kosten für Lagerhaltung und Beschaffung abdecken sollen. Der Fixzuschlag erhöht sich in Abhängigkeit zum Einkaufspreis des Medikamentes, die Marge hingegen ist degressiv und fällt ab einem Preis von Fr. 2570.- komplett weg. Somit bleibt bei den teuren Medikamenten den Apotheken nur der maximale Zuschlag von Fr. 240.-. Dies ist der Grund, warum Apotheken teilweise die Abgabe von teuren Medikamenten verweigern – dieser Betrag deckt nämlich in keiner Weise das Risiko, wenn der Kunde das Medikament nicht abholt oder die Kasse nicht bezahlt.

M.B. Besteht nicht auch ein Problem der Medikamente mit tiefen Preisen?

B.K. Ja. Aktuell weisen über 60% aller über die Apotheken verkauften Arzneien einen Einkaufspreis von unter 15 Franken auf. Der Fixbetrag beträgt bei dieser Kategorie zwischen Fr. 4.- und maximal Fr. 12.-. Die Marge beläuft sich auf 12%. Medikamente in dieser Preiskategorie sind für Apotheken unrentabel. Der Anteil der Medikamente mit diesem Preisniveau nimmt weiter zu, was das Rentabilitätsproblem von Jahr zu Jahr verschärft. Auch die nun vom Bundesrat angedachten weiteren Sparpakete, auch im Bereich des Referenzpreis-Systems bei Generika würde die Situation für die Apotheken drastisch verschlimmern. Bereits heute ist jede 4. Apotheke gemäss KOF unrentabel.

M.B. Was sagen Sie zur aktuellen Sparmassnahme im Bereich der Kosten für Hilfsmittel und medizinischen Gegenstände des BAG?

B.K. Da ist meines Erachtens am Ziel vorbei geplant worden. So wurden vom BAG die Beiträge für diese aus der Grundversicherung bezahlten Mittel und Gegenstände in mehreren Tranchen schrittweise gesenkt. In den Medien wurde berichtet, dass diese Artikel auf Grund von Preisvergleichen mit dem Ausland günstiger würden – dem ist aber nicht so! So sind die Einkaufspreise für diese Artikel nur marginal gesunken, während der Beitrag der Krankenkasse drastisch gesenkt wurde. Fazit, der Kunde muss in der Apotheke ein Differenzbetrag – oder wie wir sagen den ‚Privat-Anteil‘ selber bezahlen. Teils ist dies so grotesk, dass der Beitrag der Krankenkasse kleiner ausfällt als der Preis zu dem wir den Artikel einkaufen können! Es liegt dann an uns, den Kunden diesen Missstand zu erklären, was nicht immer einfach ist, gerade wenn Diabetiker regelmässig Blutzuckerstreifen braucht oder der Asthmatiker für den Privatanteil für die zur Inhalationstherapie benötigte Vorschaltkammer ein Vielfaches des Krankenkassenbeitrages dazuzahlen muss.

M.B. Also eine falsche Preispolitik bei den Medikamenten, wenn dann die Anzahl der Beraterinnen sinkt.

B.K. Die Kosten der Apotheken machen weniger als 5% der aktuellen Krankenkassen-Prämien aus! Bei einem so geringen Anteil werden auch weitere Sparmassnahmen im Apothekenkanal das Problem der steigenden Gesundheitskosten, beziehungsweise Krankenkassenprämien nicht bremsen können – jedoch das Bestehen des Angebots von Apotheken massiv gefährden! Denn die Beratung in der Apotheke und die Betreuung von chronisch kranken Menschen sind sehr anspruchsvoll und teils aufwändig. Der zunehmende Druck auf die Grundversorgung führt zu häufigeren Unklarheiten und Fehlern bei der Verschreibung von Medikamenten, was wiederum dazu führt, dass wir vor einer Medikamentenabgabe vermehrt mit Ärzten, Spitälern oder Pflegefachpersonen der Spitex Rücksprache halten müssen. Diese enorm wichtigen Abklärungen nehmen viel Zeit und Ressourcen in Anspruch und können nicht verrechnet werden. Wenn der Ertrag in der Apotheke weiter sinkt, wird dies eine unmittelbare Auswirkung auf den Personalbestand haben – was auf Kundenebene zu spürbar weniger Service, Qualität und Sicherheit führen wird. In Zeiten des Hausärztemangels stellt sich die Frage, wohin sich die rund 350‘000 Menschen wenden werden, wenn die naheliegenden Apotheken ihren Dienst nicht mehr erfüllen können.

M.B. Ich habe gesehen, Sie bieten auch Kosmetika an. Ist das nicht wesensfremd?

B.K. Nein, gar nicht. Schönheit und Wohlbefinden stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit Gesundheit. Doch leider können wir die fehlenden Erträge aus dem Bereich der kassenpflichtigen Medikamenten mit diesen Produkten nicht kompensieren – hier spüren wir die Trendwende des Detailhandels in Bezug auf den Einkaufstourismus im Ausland und die Verlagerung in den Online-Handel zunehmend.

M.B. Sie führen Ihre Apotheke unter dem Label ‚TopPharm‘. Was ist das?

B.K. In den letzten Jahren wurde es zunehmend schwieriger als eigenständige Apotheke zu bestehen. Zahlreiche Apothekenketten verfügen über deutlich mehr Mittel, als wir Kleinunternehmer. Deshalb habe ich mich vor 18 Jahren der ‚TopPharm Apotheken Genossenschaft‘ angeschlossen um Synergien im Bereich des Einkaufs, des Marketings und der Aus- und Weiterbildung der Mitarbeitenden nutzen zu können. Die Genossenschaft eigenständiger Apotheker setzt auf Vernetzung, Qualität und Innovation, was auch meinen persönlichen Werten entspricht.

M.B. Was ist schön an diesem Beruf?

B.K. Apothekerin ist ein spannender, vielseitiger Beruf. Ich leiste gerne einen Beitrag zur Gesundheit der Bevölkerung, bin gerne für Menschen da, bewirke gerne zusammen mit Mitarbeitern Gutes und ich begleite gerne junge Menschen und bilde sie aus. Als Apothekerin bin ich die eigentliche Generalistin im Gesundheitswesens (Produktion bis zu naturwissenschaftlichen Abklärungen. Prävention und Coaching) Ich werde konfrontiert mit Fragen zu einfachen Gesundheitsstörungen bis hin zu Cholesterin-Messungen oder Abklärungen bei Blasenentzündung oder Racheninfekten, um nur wenige zu nennen. Als Medikamentenspezialistin führe mit Menschen von der Krankenkasse unterstützte Medikamentengespräche durch (Polymedikations-Check) und unterstütze so Kunden und Ärzte bei der Optimierung der Therapie. Für Menschen, welche eine spezielle Therapie benötigen stelle ich im internen Labor Rezepturen her. Und nicht zuletzt führe ich als Geschäftsführerin ein Team von Pharma-Assistentinnen und Apothekerinnen und begleite wie gesagt, junge Menschen auf ihrem Weg in die Berufswelt – sei es als Lernende, Pharma-Assistentinnen oder Apothekerinnen mit Master in der Assistenzzeit.