02.05.2018 / Blog / / ,

Europa, wir müssen reden!

ÜBER UNSERE WERTE UND UNSERE GESCHICHTE

Denn wieder einmal geht ein Gespenst um. Diesmal dasjenige des Antisemitismus. Im sächsischen Ostritz, das tönt wie Chaplins Osterlitsch im Grossen Diktator, feierten die Nazis kürzlich den Geburtstag eines Massenmörders. Die „arische Bruderschaft“, ausgezeichnet mit Runenschrift, leistete den „Sicherheitsdienst“. Das Gelände voll mit „I love Hitler“-T-Shirts, riesigen Glatzen, darunter erbsenartige Hirne.

Eine Woche zuvor wird zwei Antisemiten der wichtigste deutsche Musikpreis verehrt. Ausgerechnet anlässlich des Holocaust-Gedenktages in Israel! In Frankreich wird die Auschwitzüberlebende Mireille Knoll ermordet von ihrem muslimischen Nachbarn. In Berlin, an Schulen mit vielen Migranten, werden jüdische Kinder gemobbt. Auf propalästinensischen Demos wird in westlichen Staaten! skandiert: „Jude, Jude, feiges Schwein! Komm heraus und kämpf allein!“ Sowie: „Juden ins Gas!“.

Schweizer Politikerinnen und Politiker rufen dazu auf, nicht bei Israelis zu kaufen und verschandeln den ehrwürdigen Berner Zytgloggeturm mit Transparenten, die Juden als Blutsauger diffamieren. Im Bundeshaus verkehren Leute, welche die Vernichtung Israels fordern. Der Palästinenserpräsident Mahmud Abbas gibt in einer Rede dem jüdischen Volk die alleinige Schuld am Holocaust. Der sei nicht durch Judenhass ausgelöst worden, sondern durch das soziale Verhalten der Juden. Wir verstehen: ihnen als eines der wenigen wirtschaftspolitischen Aufgaben den Geldhandel zuzugestehen, hat die Christen dazu gezwungen, sie zu ermorden. Tierschützer sprechen von Hühner KZs. Deshalb zu erwähnen, weil heute jeder schreckliche Begriff seine Einbettung erfährt.

In allen Gremien der Vereinten Nationen, die unter anderem gegründet wurden als Antwort auf den Judenmord im zweiten Weltkrieg, richten sich knapp 85 von 100 ausgesprochene Verurteilungen gegen ein Land, das einen Anteil ausmacht von 0,086 Prozent der gesamten Weltbevölkerung. In Israel leben 8 Millionen Menschen. Ein Land immerhin, in welchem Pressefreiheit herrscht, obwohl es sich seit seiner Gründung im Kriegszustand befindet. Das machen ihm die westlichen Demokratien, verwöhnt von bald 80jähriger Friedenszeit, einmal nach.

Europa, reden wir! Über unsere Werte. Über Rechtsstaat und Demokratie. Über den Fundamentalismus. Den Antisemitismus, der sich nicht im offenen Meinungsaustausch manifestiert-man lese einmal israelische Zeitungen-aber in der Einseitigkeit der Kritik. Wir müssen darüber reden, dass der Begriff „Israelkritik“ einmalig ist. Es gibt keine „Russlandkritik“, keine „Syrienkritik“, keine „Türkeikritik“, nicht einmal eine „Nordkoreakritik“.

Wir müssen darüber reden, dass wir nichts gegen Juden haben, ausser, dass sie „Juden“ sind… Darüber, dass offenbar nur tote Juden, das sind diejenigen der Shoa, gute Juden sind. Wir müssen reden über den Vorsatz, der nach dem Krieg omnipräsent war: Nie wieder! Die Debatte führen, die sich gegen das Vergessen richtet. Gegen die Geschichtslosigkeit. Es ist keine einfache Debatte. Doch wer es sich einfach macht, der schweigt halt. So what!