16.04.2013 / Verbindlich / / , , , ,

God save the stylist

Kürzlich hat mein Mann in Italien ein Hemd gekauft. Auf der Innenseite war aufgenäht: God save the stylist. Obwohl Gott wohl momentan vor allem Italien retten müsste, finde ich es richtig, den italienischen Modeschöpfer unter seinen besonderen Schutz zu stellen. Einerseits für die italienische Mode. Und andererseits weil es passend ist für ein Land, in welchem die äussere Form die innere bestimmt, was alles andere als oberflächlich sein muss: Für Leonardo da Vinci entsprach die Suche nach der Schönheit dem Streben nach der Wahrheit.

Neben dem Stossgebet im Hemdkragen meines Mannes, Gott möge die Mode retten, ist der Katalog der Fürbitten denn auch ergänzt mit: e tutte le belle cose made in Italy. Die da auszugsweise wären: das Essen, der Stellenwert der Kultur, die Malerei, Venedig, Orvieto, Matera, die Moleskine-Notizbücher, die vatikanische Pietà, die Temperatur, die florentinischen Paläste, das Lebensgefühl.

Fasziniert davon fällt denn auch Jahr für Jahr die halbe Welt in Italien ein, und den Touristen mit Politik den Genuss zu vermiesen, gehört nicht zur italienischen Gastfreundschaft. Doch Gott ist kein Tourist, und wenn er sich schon der Mode und aller schönen italienischen Dinge erbarmen soll, seien ihm auch die Sorgen ans Herz gelegt mit der Kehrseite der bella figura, der Fratze des schönen Scheins, dem Populismus.

Der existiert nicht nur in Italien, und ich stosse mich weniger daran, dass es ihn gibt, als dass er zu wenig bekämpft wird. Schliesslich ist es niemandem verboten, ihn ebenso pointiert abzukanzeln, wie es seine Protagonisten mit dem politischen Establishment tun. Ich ärgere mich jedoch über die dem Populismus innewohnende Methode der Versimpelung (nicht Vereinfachung!) der Argumentation und Kommunikation. Und ich verurteile diejenigen, die ihm Flügel verleihen. Wenn Oskar Freysinger eine Reichskriegsflagge aufhängt und das Schweizer Fernsehen solches verschweigt, um die Wahl nicht zu beeinflussen, damit es die Show nicht killt, die er bietet, verludert der demokratische Diskurs. Die Leichtfertigkeit, mit welcher über ein Symbol mit rassistischem Bezug hinweggegangen wird, ist ein Skandal. Der Service public rechtfertigt seinen Auftrag – insbesondere in einer Basisdemokratie wie der unsrigen – in der kritischen politischen Analyse, der seriösen Berichterstattung und der Ausgewogenheit. Bestimmt nicht als Plattform für Peppe Grillos.

Die Konsequenzen von zu viel Fernsehdominanz macht Italien vor. Im Gegensatz zu den skandinavischen Ländern, aber auch zu Deutschland, Holland, Österreich oder der Schweiz ist die Printnutzung bescheiden. Der demokratische Prozess gerät zur Unterhaltungsdiktatur. Medienwissenschaftler wie Roger Blum führen die unterschiedlichen Kommunikationsformen der politischen Auseinandersetzung auf die Reformation zurück, durch welche in die Dörfer derjenigen Länder, welche sie erfahren haben, früh eine ausgeprägtere Lesekultur als im Süden gedrungen sei. Wo die eine Bevölkerung in der politischen Meinungsbildung an Argumenten und inhaltlichen Gefechten interessiert sei, sei die andere eher auf Unterhaltung ausgerichtet.

Wie dem auch sei, bei den eingangs erwähnten Rettungsaufrufen für die Modeschöpfer und die schönen Dinge sei prophylaktisch ergänzt: Gott rette die Printmedien. Auf dass wir nicht auf das Fernsehen angewiesen sind und seine Unterhaltung. Er rette Italien vor Leuten, die tun, als hätte man sie gewählt, um eine Staatskrise zu beschwören. Und er erinnere sie an Leonardo da Vinci und sein Streben nach Schönheit und Wahrheit: eine Absage an den Populismus und ein Appell an die Verantwortung der politischen Mandatsträger. In Italien und überall.