21.12.2013 / Verbindlich / /

Wie viel Religion darfs denn sein?

Kürzlich am Bahnhof, eben hatte ich den Zug verpasst, kam eine junge Frau auf mich zu und fragte: „Hat Ihnen heute schon jemand gesagt, dass Jesus Sie liebt?“ Da dies nicht der Fall war, bekam ich eine Broschüre der Zeugen Jehovas: „Die Auferstehung Jesu. Was bedeutet sie für uns?“

Beim Warten kam ich ins Grübeln über Jesus und gewisse seiner Jünger. Vor knapp hundert Jahren seien die letzten Tage angebrochen, meinen Jehovas Zeugen. Diese werden irgendwann ausarten in einen globalen Endzeitkrieg, den Christus anführt. Die Sekte stünde dabei unter seinem besonderen Schutz und rechnet mit einem Kontingent von 144’000 Menschen mit garantiertem Wohnsitz im Reich Gottes. Ich nehme einmal an, es ist unterdessen ausgeschöpft.

Die Dame in dem Geschäft, in dem ich mich kurz nach meiner zweiten Schwangerschaft in einen Bikini stopfte, gehört vielleicht dazu. Als ich in der Umkleidekabine meine Figur beschimpfte, glitt sanft der Vorhang zur Seite und die Verkäuferin musterte mich. Dann beschied sie:  „Aber Jesus liebt sie trotzdem.“ Mich erstaunte ihr Verkaufskonzept, aber vor allem die Zuversicht in den Herrn als Designer von Bademode. Wenn Jesus uns auch im Bikini liebt, müsste es ihm trotzdem nicht ganz egal sein, wie wir darin aussehen.

Warum sind mir diese offensiven Glaubensbekenntnisse fremder Leute nur so suspekt? Vielleicht, weil der Glaube etwas sehr Persönliches ist. Vor allem jedoch etwas Freiwilliges. Dass von verschiedenen religiösen Strömungen innerhalb und ausserhalb der Weltreligionen Zwänge ausgehen, ist eine bedrohliche Realität. Religionsfreiheit ist ein Grundrecht, die Freiheit des Einzelnen ebenso. Die sorgfältige Unterscheidung zwischen dem Druck, den eine Religionsgemeinschaft auf das Individuum ausübt, und der individuellen Religionsfreiheit ist eine Herausforderung, welcher sich die Gesellschaft zunehmend stellen muss. Einfach ist das nicht.

Wie viel Religion darfs denn eigentlich sein? Ein Staat ohne Religion ist kein besserer, da hat die sowjetische Terrorherrschaft Anschauungsunterricht geliefert. Doch Gottesstaaten sind ebenso zum Fürchten. Ich meine, es bedarf wohl so viel oder so wenig Religion, wie es der Gesellschaft zum Guten gereicht.  Das Mass bestimmt in Freiheit der Einzelne, der sich an Werten richten will, welche universell sind und nicht so kurzlebig wie der Zeitgeist. Darin liegt wohl der Punkt. Jedes Gesetzeswerk ist wandelbar, Schriften wie die Bibel nicht. Sie sind Marksteine in den Rinnsalen der Beliebigkeit. In Politik und Gesellschaft.

Womit ich zurückkomme auf die eingangs erwähnte Liebeserklärung, welche ich, kommt sie von berufener Seite, gerne höre. Sonst würde ich mich ja nicht an Weihnachten freuen. Das Fest hat zwei Jahrtausende überdauert, und seine Botschaft darf wohl ausgesprochen werden, ohne dass man gegen das strenge Gebot der politischen Korrektheit verstösst. Sie gilt für alle Menschen aller Überzeugungen und ist ein immerwährendes Plädoyer gegen den Krieg und die Gewalt. Ein Plädoyer für den Frieden und die Nächstenliebe. Für Licht in dunklen Tagen über die Tage hinaus. Der evangelische Pfarrer und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer schrieb an Weihnachten 1943 im Konzentrationslager, in welchem er kurz vor Kriegsende im Alter von gerade 39 Jahren von den Nazis ermordet wurde: „In solch schwerer Zeit erweist sich, was es bedeutet, eine Vergangenheit und ein inneres Erbe zu besitzen, das von dem Wandel der Zeiten und Zufällen unabhängig ist. Das Bewusstsein, von einer geistigen Überlieferung getragen zu sein, die durch die Jahrhunderte reicht, gibt einem das sichere Gefühl der Geborgenheit.“

Ich wünsche Ihnen schöne Weihnachten.